"Rückkehr zu persönlichem Miteinander und kooperativer Zusammenarbeit aller Beteiligten"



Ein ereignisreiches Taekwondo-Olympia-Jahr liegt hinter uns. DTU-Präsident Stefan Klawiter geht im Interview auf die besonderen Probleme, die sich wegen der Corona-Pandemie ergeben haben ein und gibt Antworten auf die sport- liche Entwicklung und die Perspektive im deutschen Taekwondo.

DTU 20: Mit welchen Gefühlen und Gedanken blicken Sie aus Sicht der DTU Deutsche Taekwondo Union auf die beiden letzten Jahre zurück?

Klawiter: Die letzten beiden Jahre waren leider durch die globale COVID- 19 Pandemie geprägt, was unseren Verband, aber auch jedes einzelne Mitglied persönlich, vor enorme Herausforderungen gestellt hat. Die aktuelle Entwicklung jetzt Ende November ist wieder besorgniserre- gend, da wir in der Bundesrepublik mehr Neuinfektionen als vor einem Jahr, damals noch ohne verfügbaren Impfstoff, verzeichnen. Ich hoffe, dass diese 4. Welle doch noch kont- rollierbar wird und wir einem weite- ren Lockdown entgehen können.

DTU 20: Sind Sie mit der Entwicklung in den sportlichen Bereichen Leistungssport, Breitensport und Talentförderung zufrieden?


Klawiter: Es haben tolle Aktionen im Breitensport stattge- funden. Hier möchte ich stellvertretend unsere digitalen Trainings- und Weiterbildungsangebote nennen, die es vor der Pandemie noch nicht gab und an denen viele Mitglieder teilgenommen haben. Wir konnten gemein- sam beweisen, dass unser Sport keine Grenzen kennt und die gemeinsame sportliche Betätigung unter limitierten Raumkapazitäten (z.B. heimisches Wohnzimmer) und auf Distanz absolut möglich ist.

Die Ergebnisse der 15. Europameisterschaft Poomsae, die Ende November in Portugal stattfand, sind herausragend und erfüllen sicherlich nicht nur unsere Athletinnen und Athleten und unser Leistungssport Technik Funktionsteam, sondern auch jedes einzelne DTU-Mitglied, mit Stolz. Im nächsten Jahr steht die Weltmeisterschaft Technik in Korea an, und wir sind gespannt, ob wir an den jüngsten Erfolgen anschließen können.

Im Leistungssportbereich Zweikampf haben wir leider nicht unsere Ansprüche bei den großen Events wie der Europaqualifikation, der Europameisterschaft und den Olympischen Spielen erfüllen können. Unser Leistungssportteam analysiert die Ergebnisse ganz genau und wird sicherlich die richtigen Maßnahmen ableiten, so dass wir zukünftig wieder mehr internationale Medaillenränge bei Großevents erreichen. 41 internationale Medaillen bei G1- und G2-Turnieren zeigen, dass Potenzial bis zu einem gewissen Level vorhanden ist. Auch hier stehen unter anderem im nächsten Jahr die Welt- und Europameisterschaften der Senioren an. Aktuell befinden wir uns im Prozess der Neubesetzung unserer hauptamtlichen Bundestrainerstellen, was sicherlich auch unter dem Aspekt der künftigen Entwicklungschancen und Erfolgsaussichten geschehen wird.

DTU 20: Welche sportlichen Leistungen unserer Athletinnen und Athleten hat Sie in diesem Jahr besonders beeindruckt?


Klawiter: Wie bereits erwähnt, haben mich die aktuellen Leistungen unserer Nationalmannschaft Technik sehr erfreut. Weiter finde ich es schon sehr beeindruckend, wie sich unsere Mitglieder gemeinsam organisiert haben und der Pandemie zum Trotz gemeinsam z.T. digital trainierten, um die eigenen Ziele weiterzuverfolgen, sei es, die eigene Gürtelprüfung oder die Teilnahme an nationalen bzw. internationalen Meisterschaften.

DTU 20: Die Arbeit der Trainer und Trainerinnen und der vielen ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer stand unter besonderen Herausforderungen. Hat die Arbeit trotzdem ordentlich geklappt?

Klawiter: Die DTU besteht nahezu ausschließlich aus ehrenamtlich tätigen Funktionären. Andere deutsche Spitzenverbände sind in der hauptamtlichen Struktur viel breiter aufgestellt. Die pandemischen Rahmenbedingungen haben unser Arbeitsaufkommen nicht reduziert, eher das Gegenteil. Von daher kann ich unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nur ein großes Lob aussprechen für die geleistete Arbeit und das persönliche Engagement im Jahr 2021.

DTU 20: Das Thema Integration hat in der Gesellschaft eine sehr große Bedeutung. Wie ist hier der Standpunkt der DTU?


Klawiter: In der DTU haben viele Athletinnen und Athleten einen Migrationshintergrund. Wenn man sich beispielsweise unsere Nationalmannschaft anschaut, wird das sehr deutlich. Da leisten wir, nach meiner Auffassung, gute Arbeit.

Wichtig sind uns auch die nach Deutschland aus der Not geflüchteten Menschen, die bei uns eine neue Heimat finden. Hier gibt es ein spezielles Programm unseres Weltverbandes. Wir haben verschiedene Sportler bei uns in Deutschland, die an diesem Flüchtlingsprogramm aktiv teilnehmen. Die Sportler trainieren u.a. bei uns im Kader mit und werden bei internationalen Einsätzen von unserem Leistungssportpersonal betreut. Damit leisten wir einen wesentlichen Teil für die Integration dieser Menschen.

In diesem Olympiajahr haben wir z.B. auch in der Vorbereitungsphase und während der Olympischen Spiele in Tokio die in Deutschland lebende Athletin des WT Flüchtlingsteams Frau Alizadeh und ihren Betreuer Herrn Etminani organisatorisch eingebunden und unterstützt.

DTU 20: In 2021 fand der Leistungssport, aber auch der Breitensport durch Wettkämpfe bzw. Lehrgänge zurück in eine Art „Normalität“. Wie bilanzieren Sie die selbstaus- gerichteten Maßnahmen der DTU?

Klawiter: Leider muss ich aus heutiger Sicht konstatieren, dass wir noch nicht in der „neuen Normalität“ angekommen sind. Konnten wir z.B. bis Ende Oktober noch Bundesbreitensport- oder Kaderlehrgänge und die Deutsche Einzelmeisterschaft im Zweikampf der Junioren, Kadetten und Para in Ochsenhausen durchführen, wurden wir bereits im November durch die pandemische Entwicklung in der Republik gezwungen, Präsenzmaßnahmen wieder auszusetzen und dort wo möglich, auf virtuelle Veranstaltungen zu setzen.

Es ist meinen Präsidiumskollegen und mir klar, dass diese unpopuläre Entscheidung nicht überall auf Verständnis getroffen ist, aber in Anbetracht der Situation, war verantwortungsbewusstes und konsequentes Handeln erforderlich. Wir wollen hierdurch u.a. auch dazu beitragen, dass ein weiterer Lockdown durch die Politik vermieden werden kann, um so den Sportverkehr in „Sportdeutschland“ weiterhin in dieser herausfordernden Zeit zu gewährleisten. Im Übrigen haben unsere Partnerverbände bereits vor uns, wie z.B. der DOSB oder der Deutsche Behindertensportverband, ähnliche Entscheidungen für ihre geplanten Veranstaltungen getroffen.

DTU 20: Innerhalb der DTU bestehen nach wie vor Spannungen in Nordrhein-Westfalen, wo zwei Landesverbände Mitglied der DTU sind. Können Sie unse- ren Lesern hierzu etwas sagen?

Klawiter: Ob aktuell Spannungen zwischen unseren bei den nordrhein-westfälischen Landesverbänden bestehen, müssen Sie am besten direkt die Verantwortlichen der beiden Landesverbände fragen. Aus der Sicht des Spitzenverbandes kann ich nur anbringen, dass die Taekwondo Union Nordrhein-Westfalen e.V. nach dem Ende des Mediationsverfahrens die Klage gegen die Deutsche Taekwondo Union e.V. mit einem Streitwert in Höhe von € 300.000 beim Landgericht München I eingereicht hat. Hier bleibt uns nun nur noch, die Entscheidung der Kammer abzuwarten.

DTU 20: Ist der Verband, ist die DTU gut für die Zukunft aufgestellt?


Klawiter: In unserer heutigen ehrenamtlichen Verbandsstruktur organisieren und gestalten wir, was möglich ist, um unseren Verband fit für die Zukunft zu machen. Aufgrund der vorgenannten anhängigen Klage gegen unseren Verband, mit einem nicht unerheblichen wirtschaftlichen Risiko, sind größere Verbandsstruktur- und Zukunftsprojekte, die aus Eigenmitteln finanziert werden, zurzeit vorerst zurückgestellt. Hier gilt für uns der Grundsatz der guten Verbandsführung.

DTU 20: Auf welche Aufgaben werden Sie in den kommenden Jahren den Schwerpunkt legen? Welche Themen stehen bei der DTU im Vordergrund?


Klawiter: Im Leistungssportbereich Zweikampf liegt ein Fokus selbstverständlich auf der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Hier wollen wir wieder mit einem größeren Team antreten können. Des Weiteren gilt es, unseren Nachwuchs weiter aufzubauen. Hierzu gibt es bereits Konzepte, die von unserem Leistungssportteam mit Leben zu füllen sind. Im Leistungssportbereich Technik gilt es, das derzeitige hohe sportliche Niveau zu halten und unsere internationale Konkurrenzfähigkeit auch im globalen Wettbewerb zu bestätigen.

Wir wollen unseren paralympischen Zweikampfbereich weiterentwickeln bzw. neuausrichten, um auch hier perspektivisch einen Kader aufzubauen, der spätestens um die Qualifikation für die Paralympischen Spiele 2028 mitkämpfen kann. Um dieses Ziel anzugehen, haben wir in diesem Zusammenhang ganz aktuell einen neuen Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Behindertensportverband erarbeitet und die gemeinsamen Schritte zum Aufbau eines konkurrenzfähigen Kaders für den paralympischen Zweikampf abgesprochen.

Ebenso sind wir im intensiven Austausch mit dem Deutschen Gehörlosen-Sportverband, um auch hier die Zusammenarbeit weiter zu intensiveren und die Rahmenbedingungen für unsere Athletinnen und Athleten zu verbessern. Gleichzeitig stehen aber auch Mitgliederbindung und -gewinnung auf der Tagesordnung. Daher wollen wir auch wieder vermehrt ein buntes Angebot für den Großteil unserer Mitglieder anbieten, wenn die Rahmenbedingungen dieses wieder ohne Einschränkungen und ohne gesundheitliche Gefahren zulassen.

DTU 20: Was wünschen Sie sich persönlich für das kommende Jahr?


Klawiter: Ein echtes Ende der pandemischen Lage und Rückkehr zu einem persönlichen Miteinander sowie eine konstruktive und kooperative Zusammenarbeit aller Beteiligten von „Taekwondo-Deutschland“, um unseren Verband gemeinsam erfolgreich und zufriedenstellend gestalten zu können.

 


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