"Ich bleibe positiv, aber die Ungewissheit ist sehr belastend"

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Die derzeitige Situation in Deutschland stellt auch die Athletinnen und Athleten der Deutschen Taekwondo Union vor neue Herausforderungen. Das Training muss weitergehen. Zu viel steht in diesem Olympia-Jahr auf dem Spiel. Doch wann wird die Frage beantwortet, ob Olympia in Tokio in diesem Jahr überhaupt stattfindet?

 

AUF DIE NOMINIERUNG FOLGT DIE ENTTÄUSCHUNG

 

Noch vor wenigen Wochen stand Lorena Brandl beim Weltranglistenturnier Dutch Open in Eindhoven auf dem Podium. Sie gewinnt Gold und bestätigt ihre aktuell starke Wettkampfform. Unmittelbar nach der German Open in Hamburg erhielt die junge Sportsoldatin der Sportfördergruppe Sonthofen die Nominierung für das europäische Qualifikationsturnier, wo sie sich für die Olympischen Spiele in Tokio mit einer Finalteilnahme qualifizieren könnte. Vorausgesetzt, die Qualifikationswettbewerbe können stattfinden. Nach der Rückkehr aus Holland, einer gewaltigen Packung Motivation im Gepäck, folgte die Enttäuschung. Nachdem der europäische Taekwondo- Verband (WTE) die Qualifikationswettbewerbe zunächst aus dem Corona-Risikogebiet Mailand nach Moskau verlegt hatte, folgte am 11. März dann die Verschiebung des Turniers auf (Stand heute) ungewisse Zeit.

„Die Nachricht, dass die Qualifikation nach Moskau verschoben wurde war noch OK und kein Problem für mich. Es ist letztendlich egal in welcher Halle wir kämpfen. Sehr schade finde ich, dass es jetzt schon auf eventuell Mitte Mai verschoben worden ist. Und nicht mal dafür gibt es momentan eine Garantie.“

Die aktuelle Situation in Europa lässt ein Turnier in diesem Größenmaß und mit dieser Wichtigkeit zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu. Der Alltag der Leistungssportlerin musste nun den Bedingungen, rund um das Corona- Virus, angepasst werden. Wann der Startschuss für die so wichtige intensive Vorbereitung auf das wichtigste Turnier in diesem Jahr für unsere Sportlerinnen und Sportler fällt, ist ungewiss. Die Situation ist dementsprechend belastend.

„Ich setze jetzt aktuell auf viel Ausdauer, Krafttraining, Homeworkouts, gehe joggen und trainiere bei mir zuhause. Auch Sprints gehören zu meinem Trainingsplan.“

Der komplette Trainingsalltag ist neu organisiert. Ein Wettkampfziel kann aktuell nicht gesetzt werden. Die mentale Anspannung nimmt immer mehr zu. Mit der Schließung der Schulen in der gesamten Bundesrepublik, um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden, mussten auch die Vereine ihren Übungs- und Trainingsbetrieb einstellen. Taekwondo Training auf olympischem Niveau lässt sich nur bedingt in der heimischen Wohnung oder im Garten trainieren. Ganz zu schweigen von der fehlenden Wettkampfhärte, die man für eine erfolgreiche Teilnahme am Olympia- Qualifikationsturnier braucht.

 

TRAINING AUF OLYMPISCHEN NIVEAU NAHEZU UNMÖGLICH

 

Rückschläge gehören im Leben eines Leistungssportlers immer dazu. Von daher ist die Sichtweise deutscher Spitzensportler, wie Lorena Brandl, eindeutig.
„Ich glaube weiterhin an die Qualifikation und bin positiv eingestellt, dass wir das schaffen und die Olympischen Spiele zu irgendeinem Zeitpunkt stattfinden können.“ Um die Gesundheit der Menschheit zu schützen, zählt nun nur die Einhaltung der Regeln der Bundesregierung. Eine Ausgangssperre, wie sie Lorena bereits in ihrem Alltag in Bayern vorfindet, ist notwendig und stößt auch bei der jungen Middelstädterin auf Verständnis.

„Es ist ein komisches Gefühl nichts richtig zu wissen. Aber ich mache weiter, trainiere und gebe mein Bestes in dieser ungewohnten Zeit. Und irgendwann werden schon die Infos von offizieller Seite kommen, ob und wann das Qualifikationsturnier stattfindet und ob es die Olympischen Spiele 2020 geben wird“.

Doch die Zeit rennt und rennt. Die Frage, ob in Tokio unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch Olympische Spiele mit den Werten des Sportes ausgetragen werden können, beschäftigt die gesamte Sportwelt. Chancengleichheit, Fairness und Teamgeist sind Werte, die in dieser Krise nur schwer von Spitzensportlern gelebt werden können. Doch sind es ja gerade diese Werte, welche die Olympischen Spiele zu etwas Magischem und Besonderem machen!

Angela Merkel bezeichnete die Situation als größte Herausforderung für Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Da bleibt die Frage an das IOC bestehen, wann nun von der Sportpolitik endlich eine Entscheidung getroffen wird, ob die Olympischen Spiele in Tokio unter Berücksichtigung der olympischen Werte stattfinden. Und wenn ja, wann sie stattfinden werden.

„Ich wünsche mir eine baldige Entscheidung darüber, wie weiter vorgegangen wird. Auch dann kann ich im Training noch mal was drauflegen“.

Natürlich ordnet die Bevölkerung und somit auch die deutschen Spitzensportler ihren Alltag den Anordnungen der Bundesregierung unter. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, diese Krise zu bewältigen. Doch die Frage, ob die Olympischen Wettkämpfe fair und zum Wohle der Gesundheit aller ausgetragen werden können, sollte das IOC möglichst bald für die Sportlerinnen und Sportler beantworten. Kritisch bleibt die Situation, betrachtet man die aktuellen Entwicklungen in Europa und die Aussagen von Thomas Bach, der an den Olympischen Spielen mit der Eröffnung am 24. Juli festhält.

Die Frage, wann und wo überhaupt noch Qualifikationswettbewerbe unter fairen Bedingungen ausgetragen werden können, bleibt bestehen. Und die Zeit rennt immer weiter, aus unserer Sicht gegen Olympia 2020 und gegen den Traum von tausenden von Sportlerinnen und Sportlern, aber für die Gesundheit der Menschheit und für faire olympische Wettbewerbe.

 


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