„Ich bin immer noch Kimia“

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Als erste Flüchtlingsathletin kämpft Kimia Alizadeh bei den Olympischen Spielen in Tokio um eine Medaille, besiegt im Vorkampf die Doppelolympiasiegerin Jade Jones aus England. Für die Außenstehenden ein großer Erfolg. Für sie selbst ist das Gesamtergebnis eine große Enttäuschung. Das selbstgesetzte Ziel „Gold“ wurde mit Platz 5 verpasst.

Doch nach einem schwierigen Jahr mit der Flucht aus dem Iran, dem Einleben in Deutschland, zahlreichen Operationen in den vergangenen Monaten und schwierigen Trainingsbedingungen steht sie hochkonzentriert und fokussiert auf der Wettkampffläche der Makuhari Messehalle in Tokio. Ihr Blick beim Einmarsch auf die Fläche ist klar. Gepaart mit einem Lächeln zeigt sie ihre Freude, hier in Tokio kämpfen zu können. Klar fixiert ist ihr Blick auf ein Ziel: Gewinnen, egal wer vor ihr steht.

Das gelingt ihr im ersten Kampf, der mental eine enorme Belastungsprobe war, mit Bravour. Ist es ausgerechnet Niad Kiyani Chandeh aus dem Iran, gegen die sie im Qualifikationskampf antreten muss. Das war ihr schon lange vor den Spielen bekannt. Und auf der Fläche tut sie das, was sie uns schon während eines anderen Interviews mitteilte: „Ich werde mein Bestes geben, um zu gewinnen. Vorher und nachher sind wir Freundinnen. Aber im Kampf ist sie eine Gegnerin wie jede andere auch.“ Erstmals begegnet Kimia ihren alten Landsleuten auf einem internationalen Turnier. Und sendet gleich ein Signal, eine Message raus in die Welt: Auf ihrem Gürtel hat sie ihren Vornamen in den iranischen Landesfarben sticken lassen. Sie verrät uns die Bedeutung dieser Aufschrift: „Ich bin Iranerin. Auch wenn ich nun in der Welt unterwegs bin. Ich bin immer noch Kimia, eine Iranerin. Ich liebe mein Land immer noch.“

Was in den sozialen Medien mit Kimia gemacht wird, ist zweigeteilt. Ich habe Amir Hosseini gefragt, der Kimia auf ihrem Weg nach Tokio im Training viel unterstützt hat und mir ein paar Posts sinngemäß übersetzen konnte. „Das Land verachtet sie als Verräterin, aber beim Volk wird sie immer noch geliebt.“

Zurück auf die Fläche: Nach dem Sieg im Qualifikationskampf wartete im folgenden Kampf keine geringere als die zweifache Olympiasiegerin Jade Jones aus England. Diese wollte in Tokio als erste Sportlerin überhaupt ihre dritte Goldmedaille in Tokio gewinnen. Ich schreibe „wollte“, denn es war Kimia, die als Siegerin aus diesem hochklassigen Kampf ging.

„Es war schon das fünfte Mal, dass ich gegen sie gekämpft habe. Wir versuchen immer unser Bestes zu geben. Wir hatten einen Plan für jede Kämpferin und haben auch dafür trainiert. Unser Plan gegen Jade hat geklappt.“

Ob es der schwierigste Kampf an diesem Tag war? – „Alle Kämpfe waren hart. Aber natürlich war der Kampf gegen die Doppelolympiasiegerin besonders hart.“

Es sei verrückt, sagt uns Kimia lächelnd, dass eine Sportlerin erstmals bei Olympischen Spielen fünf Kämpfe absolviert, in dreien als Siegerin von der Fläche geht und dann trotzdem keine Medaille gewinnt.

Während des Interviews wirkt
 Kimia phasenweise fröhlich.
 Spricht man sie auf die Medaille an,
 wird sie sofort wieder ernst. Auf die
 Frage, ob sie schon den Moment hatte,
 wo sie ein wenig stolz auf sich war, antwortet sie lächelnd: „Es ist schwer auf diese
 Frage zu antworten. Ich weiß, dass ich mein Bestes gegeben habe. Wir waren hier, um Gold zu holen. Und wir waren wirklich sehr nah dran, dies zu schaffen. Ich sage „wir“, denn wir sind ein Team: Davoud und ich!“

Die Enttäuschung ist zu spüren. Die Enttäuschung über die verpasste Medaille. Der Gang mit leeren Händen zum IOC-Präsident Dr. Thomas Bach fiel schwer, auch wenn es ein schöner Moment gewesen sei. „Unglücklicherweise konnte ich ihm keine Medaille bringen. Ich war sehr traurig. Aber er hat mir gesagt, dass ich toll gekämpft und es gut gemacht habe. Ich könne es wieder schaffen oder sogar besser. Das wisse er. Und er hat mir das Beste für die Zukunft gewünscht.“

Die Zukunft wartet auf die 23-Jährige und das Ziel für die nächsten Spiele ist, wen wundert es, schon gesetzt. In Paris will sie wieder angreifen. Gemeinsam mit ihrem Trainer Davoud. Obwohl beide noch nicht so lange und intensiv miteinander arbeiten konnten, waren sie von außen betrachtet ein eingespieltes Team. Auf die Frage, was sie in Tokio als Team so stark gemacht hat, antwortet Kimia: „Das ist witzig, denn alle Freunde im Iran haben das gleiche zum mir gesagt. Das wir ein so gutes Team waren. Ich bin wirklich happy, dass Davoud in meinem Sportlerleben an meiner Seite ist. Er hat mir in jedem Moment geholfen. Mental und natürlich auch physisch. Wir können es in Paris schaffen, Gold zu holen. Hier haben wir keine Medaille geholt, aber in Paris versuchen wir es wieder. Das steht fest!“

Zum Schluss des Interviews bedankt sich Kimia auch noch bei uns, bei der DTU. „Ich danke auch der Deutschen Taekwondo Union für ihre Unterstützung. Sie hat den Grundstein für meinen Wiedereinstieg gelegt. Vielen Dank dafür.“