Exklusives Interview mit WT-Präsident Dr. Choue



Die Corona-Pandemie stellte nicht nur die nationalen Verbände vor ungeahnte Herausforderungen. Natürlich musste auch der Weltverband Chancen dieser Zeit erkennen und neue Projekte in Angriff nehmen. Neue Wettkampfformate wurden geschaffen und auch Ziele für das weiterhin turbulente Jahr wurden gesetzt. In einem exklusiven Interview für unser Magazin TAEKWONDO20 gewährte uns WT-Präsident Dr. Choue Einblicke in das Vorhaben der WT.

Taekwondo 20: Beim vergangenen World Taekwondo Council Meeting wurde von Ihnen die Wichtigkeit der Rückkehr in den Wettkampfmodus betont. 72 Events hat die WT für das Jahr 2021 geplant. Welche Vorbereitungen haben Sie getroffen, um eine Rückkehr in den Wettkampfmodus vorzubereiten?

Wie wir deutlich gemacht haben, sind wir entschlossen, eine Rückkehr der Taekwondo-Wettkämpfe zu verwirklichen, aber der entscheidende Punkt ist, dass es eine sichere Rückkehr sein muss. Wir haben gründlich mit unserem medizinischen Komitee, unabhängigen Experten und medizinischen Behörden gearbeitet, um die Gegenmaßnahmen zu bestimmen, die ergriffen werden müssen, um Taekwondo-Wettkämpfe sicher durchzuführen. Taekwondo ist eine Sportart, bei der sich die Athleten von Natur aus nahe kommen, daher war es wichtig, dass wir uns die Zeit genommen haben, robuste Sicherheitsprotokolle zu entwickeln.

Taekwondo 20: Die WT hat neue Formate wie die „WT Women's Open Championship 2021“, die „Seasonal WT Poomsae Challenge“ und die „WT Super Talent Show“ geschaffen. Wie kam es zu diesen besonderen neuen Formaten und welche Auswirkungen sind für den Taekwondo-Sport und die WT-Mitglieder zu erwarten?
Bei World Taekwondo haben wir uns immer dazu verpflichtet, innovativ zu sein und sicherzustellen, dass unser Sport so einzigartig wie möglich ist.

Wir wollten Anfang 2021 die World Taekwondo Women's Open Championships starten, um Taekwondo dafür zu nutzen, die Gleichstellung der Geschlechter in Saudi-Arabien und in der gesamten Region zu fördern. Aufgrund der Pandemie mussten wir die Veranstaltung auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr verschieben, aber wir sind zuversichtlich, dass sie dann stattfinden wird.

Wenn uns diese Pandemie eines gelehrt hat, dann, dass es keinen Anlass für Stillstand gibt. Wir müssen immer nach mehr streben, egal wie die Umstände sind. Deshalb haben wir den Lockdown im letzten Jahr genutzt, um unsere Organisation neu auszurichten und unsere strategischen Prioritäten neu zu bewerten. Wir haben auch gesehen, wie sehr die Menschen auf der ganzen Welt Taekwondo lieben und wie zugänglich dieser Sport ist, egal wo man ist.

Die ersten Online World Taekwondo Poomsae Championships im letzten Jahr waren ein großer Erfolg und so wollten wir nun sicherstellen, dass wir den Wettbewerb konsequent weiterführen, um die Möglichkeit für Athleten auf der ganzen Welt zu maximieren, daran teilzunehmen. Aus diesem Grund werden wir die Online World Taekwondo Poomsae Open Challenge vierteljährlich veranstalten, mit Beginn diesen März.

Die World Taekwondo Super Talent Show ist eine weitere digitale Innovation, die es uns ermöglicht, die Reichweite unseres Sports zu vergrößern und diese selbst während der Pandemie weiter voranzutreiben. Wir bevorzugen es, diese Veranstaltungen in Präsenz auszurichten, aber in einer Zeit, in der die Zukunft ungewiss ist, sind virtuelle Veranstaltungen eine hervorragende Möglichkeit, die Athleten bei der Stange zu halten und neue Wettkämpfe anzubieten, die unsere Fans begeistern.

Zu guter Letzt geht es nicht nur um die Organisation von Wettkämpfen: Wir wollen auch weiterhin zu unseren Missionen und globalen Zielen wie den Sustainable Development Goals der UNO und der Olympischen Agenda 2020+5 beitragen. Dafür hat World Taekwondo zwei Veranstaltungen für die Geschlechtergerechtigkeit und Frauen in Führungspositionen organisiert, um die Gleichbehandlung der Geschlechter und schließlich deren Gleichstellung zu fördern. Wir haben auch unsere Online-Bildungsprogramme ausgebaut, um mehr Akteure einzubeziehen. Auch haben wir Apps entwickelt, um körperliche Aktivität oder Active Esports, durch kreative Innovationen zu fördern.

Taekwondo 20: Zum ersten Mal wurde eine Online Poomsae Weltmeisterschaft organisiert. Welches Fazit ziehen Sie nach diesem Event? Ist das ein Trend für die Zukunft?
Ja, wie bereits erwähnt, war der Erfolg der Online Poomsae Weltmeisterschaft das, was uns dazu ermutigt hat, diese Events saisonal zu veranstalten.

Wir begrüßen jede Innovation, die helfen kann, Taekwondo zu fördern. Die Online-Weltmeisterschaften sind eine solche Möglichkeit, dies zu tun.

Wie Sie wissen, ist Taekwondo einzigartig, weil wir Kyorugi und Poomsae haben. Mit Poomsae haben wir das Glück, eine Sportart zu haben, die sich für virtuelle Wettkämpfe eignet und die man überall ausüben kann.

Daher veranstaltete World Taekwondo seine allerersten Online World Taekwondo Poomsae Championships, die für Familien offen waren und an denen mehr als 1.565 Personen aus 98 Ländern teilnahmen. Es haben auch Flüchtlinge in ihren Lagern teilgenommen – das war eine wahre Inspiration.

Durch Online-Poomsae konnten wir körperliche Aktivität auch in einer Zeit fördern, in der viele Menschen keinen Zugang zu Sport haben. Wir sind glücklich, dass wir auf diese Weise weiterhin einen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.

Taekwondo 20: Inspiriert von Ihrem Vater Dr. Youngseek Choue wurde 2016 die Taekwondo Humanitarian Foundation (THF) gegründet. Welche Projekte der THF erfüllen Sie heute mit besonderem Stolz?
Bei World Taekwondo sagen wir immer: „Frieden ist wertvoller als Triumph.“ Damit meinen wir, dass es beim Taekwondo und beim Sport im Allgemeinen um mehr geht als um das Gewinnen; es geht um die Werte, die vermittelt und gefördert werden.

Deshalb bin ich so stolz auf die Arbeit, die wir mit der THF leisten. Die THF stärkt Flüchtlinge, indem sie Training und Ausbildung durch Taekwondo anbietet. Aktuell hat die THF 15 Schwarzgurte hervorgebracht und hofft, mit Wael Fawaz Al-Farraj ihren ersten olympischen Athleten zu haben, der Teil des olympischen Flüchtlingsteams in Tokio 2021 sein möchte. Es gibt auch viele weitere Flüchtlings-Taekwondoathleten auf der ganzen Welt, die ein olympisches Stipendium haben und die danach streben, in Tokio dabei zu sein. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass wir einen Para-Taekwondo-Flüchtlingssportler für die Paralympischen Spiele in Tokio haben könnten, was eine historische Premiere wäre.

Einen Flüchtlingssportler in Tokio 2021 im Taekwondo antreten zu sehen, wäre ein sehr schöner Moment für uns. Aber auch allein schon die Arbeit zu sehen, die die THF jeden Tag in Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt leistet, erfüllt mich mit großem Stolz.

Als Teil der saisonalen Online-Poomsae-Meisterschaften wollen wir virtuelle Freundschafts-Wettkämpfe in Poomsae zwischen den Flüchtlingslagern von Azraq und Zaa'tari organisieren, um des Weltflüchtlingstags am 20. Juni zu gedenken. Wir werden auch zahlreiche Aktivitäten organisieren, um wichtige internationale Tage zu begehen, wie jene, die von der UN und der WHO in diesem Jahr anerkannt werden.

Zusammen mit den internationalen Verbänden, die Absichtserklärungen mit der THF unterzeichnet haben, entwickeln wir auch gemeinsame Bildungsprogramme, um dabei zu helfen, hochwertige Bildungsmöglichkeiten für Flüchtlinge zu fördern.

Taekwondo 20: Wie bewerten Sie die Deutsche Taekwondo Union, die derzeit mehreren Flüchtlingssportlern hilft?

Ich schätze die Deutsche Taekwondo Union sehr und die Arbeit, die sie bei der Unterstützung von Flüchtlingssportlern leistet. Ich hoffe, dass sie an den Olympischen Spielen teilnehmen können und gut abschneiden.

Taekwondo 20: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Werte, die Taekwondo vermittelt? Was ist das Besondere an unserem Sport?
Taekwondo ist mehr als nur ein Sport; es ist eine Philosophie. Es bringt enorme körperliche Vorteile, aber es vermittelt seinen Ausübenden auch wichtige Werte. Der Respekt für die Menschen ist sehr wichtig. Deshalb betonen wir, wenn wir Taekwondo auf der ganzen Welt bewerben, immer die universellen Prinzipien des Friedens und der Inspiration der Benachteiligten. Durch Taekwondo fördern wir Werte wie Inklusion, Respekt, Toleranz, Höflichkeit und Integrität. Auf der Matte sind wir Konkurrenten, aber wir sind fair. Außerhalb der Matte sind wir Freunde.

Gleichzeitig fördert World Taekwondo den „Sport Taekwondo“. Wir dürfen die gesundheitlichen Vorteile, die wir durch das Ausüben von Taekwondo erreichen können, nicht unterschätzen – sei es auf Eliteniveau oder im Breitensport.

Taekwondo 20: Das Jahr 2021 verspricht große sportliche Highlights wie die Olympischen Spiele und die Paralympischen Spiele sowie die Weltmeisterschaften. Welche Aufgaben muss die WT dafür in den kommenden Monaten in Angriff nehmen?
Wie Sie schon sagen: 2021 wird ein fantastisches Jahr für Taekwondo. Es wird auch ein historisches Jahr für Taekwondo sein, da wir unser Debüt bei den Paralympischen Spielen geben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Para Taekwondo ein großer Erfolg sein wird und dem weltweiten paralympischen Publikum etwas Neues und Aufregendes bieten wird.

Wir müssen noch einige Vorbereitungen in Bezug auf die Olympia-Qualifikation für die Spiele treffen, da die europäischen und asiatischen Kontinental-Qualifikationsturniere noch nicht stattgefunden haben. Aber wir stehen in Solidarität mit dem IOC, wenn es darum geht, unseren Athleten und Offiziellen sichere Spiele zu bieten, und haben volles Vertrauen in unsere Vorbereitungen und die des Organisationskomitees für Tokio 2020.

Taekwondo 20: Was wird von den Taekwondo-Weltmeisterschaften in Wuxi 2021 erwartet?
Wir hoffen, mit unseren Taekwondo-Weltmeisterschaften in Wuxi 2021 Geschichte zu schreiben und dass Sportler aus mehr Ländern als je zuvor antreten.

Vor den Weltmeisterschaften werden wir auch das Friedens- und Sportforum veranstalten, das unser Engagement verstärken wird, die Kraft des Taekwondo zu nutzen, um positive Veränderungen herbeizuführen.

Die Weltmeisterschaften werden auch eine der wichtigsten Veranstaltungen in China sein, kurz vor den Olympischen und Paralympischen Winterspielen 2022 in Peking. Im Laufe der Jahre hat sich Wuxi zu einer der globalen Hauptstädte des Taekwondo und des Sports im Allgemeinen entwickelt, und so haben wir keinen Zweifel daran, dass dort fantastische Veranstaltungen ausgerichtet werden.

Taekwondo 20: Die WT strebt eine Änderung/Erweiterung der Wettbewerbe bei den Olympischen und Paralympischen Spielen 2024 an. Was sind die aktuellen Entwicklungen? Welche Auswirkungen wird dies auf die MNA haben?
Wir evaluieren immer, wo wir uns verbessern können. Ein Bereich, den wir im Auge haben, sind Mixed Team-Events, die zwischen den regulären Wettkämpfen in Tokio 2020 gezeigt werden, um dieses äußerst unterhaltsame Format zu präsentieren.

Für eine maximale visuelle Wirkung wird zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen ein 4D-Kamerarig eingesetzt, und auch die neue Wettkampfkleidung wird vorgestellt.

Nach Tokio wird World Taekwondo mit dem Technischen Komitee weitere Innovationen diskutieren, darunter eine neue Schutzweste [a new protector] und ein neues Punktesystem.

Taekwondo 20: Das 1. WT Gender Equity & Women Leadership Forum fand im November 2020 statt. Welche Lehren konnte die WT daraus ziehen? Gibt es bereits Pläne für Folgeveranstaltungen? Wie können MNAs die Arbeit der WT zu diesem Thema besser unterstützen?
Bei World Taekwondo haben wir uns verpflichtet, mehr zu tun, damit wir auf der großartigen Arbeit aufbauen können, die bereits geleistet wurde, und uns in Richtung einer echten Gleichstellung der Geschlechter auf allen Ebenen unseres Sports bewegen.

Das erste WT Gender Equity & Women Leadership Forum, das in Zusammenarbeit mit dem saudi-arabischen Olympischen Komitee durchgeführt wurde, war ein durchschlagender Erfolg und hat gezeigt, was wir mit den richtigen Partnern erreichen können. Das ist das Modell, mit dem wir für zukünftige Ausgaben des Forums arbeiten werden.

Das 2. WT Gender Equity & Women Leadership Forum fand am 6. und 7. März statt und war erneut ein großer Erfolg. Das zweitägige Forum wurde gemeinsam von World Taekwondo und UK Sport veranstaltet und zog fachkundige Sprecher und Diskussionsteilnehmer aus dem Taekwondo und darüber hinaus an. Es wurde von IOC, ASOIF und dem IPC gelobt, insbesondere für die Bandbreite der Themen. Eines der wichtigsten Themen war das der psychischen Gesundheit, das vom IOC vorgestellt wurde, nicht nur für Spitzensportler, sondern auch bezüglich der Auswirkungen der aktuellen Pandemie. Ein weiteres Thema von großem Interesse war die Hervorhebung des Mutes junger weiblicher Taekwondo-Botschafterinnen, die mit Hilfe des Sports gesellschaftliche Normen herausfordern.

Wir hatten das Privileg, so viele fachkundige Referenten zu haben, die bewährte Verfahren und persönliche Einblicke in unsere Diskussionen einbringen konnten. Es wurden viele exzellente Ideen geäußert, und es ist nun entscheidend, dass wir diese Diskussionen in die Tat umsetzen.

Taekwondo 20: Die persönlichen Kontakte sind in den letzten Monaten durch die Corona-Pandemie fast verloren gegangen. Auf welche Treffen mit der Taekwondo-Familie freuen Sie sich in diesem Jahr am meisten?
Der persönliche Kontakt ist verloren gegangen, aber durch den Einsatz digitaler Technologie konnten wir in Verbindung bleiben und sicherstellen, dass wir unseren Sport weiterhin voranbringen.

Wir haben das letzte Jahr als Gelegenheit dazu genutzt, um uns neu aufzustellen und uns darauf vorzubereiten, stärker für die Welt nach COVID-19 hervorzugehen.

Natürlich ist nichts damit zu vergleichen, unseren Athleten persönlich bei Wettkämpfen zuzusehen und sich mit unseren Freunden und Kollegen aus der World Taekwondo-Familie zu treffen.

Die Realität ist, dass wir unsere Wettkämpfe neu starten und Einnahmen für unsere Interessensvertreter generieren müssen. Wir machen Pläne, um sicherzustellen, dass wir sichere Wettkämpfe anbieten, damit wir ein viel stärkerer, sicherer und respektierter internationlaer Verband werden können.

Taekwondo 20: Können Sie uns etwas über die Ziele der WT für das Jahr 2021 erzählen?
In zwei Jahren wird World Taekwondo das 50-jährige Gründungsjubiläum feiern. Unser Ziel ist es, einer der nachhaltigsten und am meisten respektierten internationalen Verbände zu sein. Wir werden dies erreichen, indem wir nicht nur zur Entwicklung von Taekwondo weltweit beitragen und die Belange unserer Interessensvertreter, insbesondere unserer Athleten, schützen, sondern auch, indem wir eine Führungsrolle dabei übernehmen, einen Beitrag für die Menschheit und die nachhaltigen Entwicklungsziele [Sustainable Development Goals der UN] zu leisten.

Wir arbeiten auf unser Ziel hin, einer der am besten geführten internationalen Verbände zu werden, und haben uns verpflichtet, mit allen unseren Interessenvertretern, einschließlich der Kontinentalverbände und der nationalen Mitgliedsverbände, zusammenzuarbeiten, um gute Führung auf jeder Ebene unseres Sports sicherzustellen.