Alexander Bachmann und Vanja Babic im Interview

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Alexander Bachmann hat Olympiaticket schon in der Tasche

Optimale Vorbereitung, Gelassenheit und innere Ruhe als Erfolgsgaranten

 

Als einer der ersten deutschen Athleten schaffte der Taekwondo-Weltmeister Alexander Bachmann das, was in Deutschland bisher erst wenige Sportler erreichen konnten. Er qualifizierte sich am 6. Dezember, dem Nikolaustag, in Moskau nach einem harten und langen Weg mit einem Direktstartplatz für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Tokyo. Dieser Tag war nicht nur für den glücklichen Taekwondo-Sportler ein besonderer Tag. Auch bei seinem Trainer Vanja Babic wird der 6. Dezember 2019 für immer in Erinnerung bleiben.  Wie es zu dem großen Erfolg in Moskau kam und was den Tag für den Trainer so unvergesslich macht, das verraten Vanja Babic und Alexander Bachmann exklusiv im Interview. 

Von Helena Stanek

 

Mit einer mental starken Leistung ging Alexander Bachmann am Nikolaustag in Moskau in seine Mission „Olympiaticket“. Die Anspannung bei ihm und allen Beteiligten war groß. „Obwohl ich von 1997-2012 fast 16 Jahre als Bundestrainer gearbeitet habe, schaffe ich es bis heute nicht auf der Tribüne still zu sitzen, wenn unsere deutschen Athleten kämpfen“, verriet der Taekwondo Sportdirektor Holger Wunderlich kurz vor der Abreise nach Moskau. Alex Bachmann dagegen machte auch an diesem besonderen Tag das, was ihn in seiner erfolgreichen Karriere auszeichnet: Ruhe bewahren. Der erste Kampf gegen den starken Brasilianer, Maicon Siqueira, war an Spannung kaum zu übertreffen. Ein ständiger Führungswechsel im Kampfverlauf endete mit einem 18:17 Punkte-Vorsprung für Alex. Doch in der letzten Sekunde des Kampfes gab der Kampfrichter dem Deutschen noch eine Verwarnung und das Scoreboard schlug auf 18 zu 18 Punkte um. Die vierte Runde, der sogenannte Sudden Death, musste entscheiden wer als Sieger von der Fläche gehen konnte. 

„Eigentlich war der Kampf gegen den Brasilianer kein Problem“, resümiert Bachmann gelassen nach seinem Sieg gegen den Sofia-Grand Prix-Sieger und WM-Bronzemedaillengewinner 2019 aus Brasilien. Für die Zuschauer hingegen, war dieser Kampf vom Verlauf her pure Nervenanspannung. Das sich Alex auch mit einer Niederlage im ersten Kampf direkt für die Olympischen Spiele qualifiziert hätte, war wohl nur den Insidern bewusst. 

 

 

Erfolge in Australien, Italien und Israel sorgten für hervorragende Ausgangssituation

 

Durch seine letzten Erfolge bei den European Extra Games (Silber) und den Israel Open (Gold) hatte sich der 25-jährige eine perfekte Ausgangssituation verschafft, so dass der Anruf bei seiner Frau Rabia nach seinem gewonnen Olympiaticket im Prinzip nur noch Formsache war. Als die Entscheidung dann endgültig feststand, war die Freude bei allen Mitgereisten dennoch groß. „Die direkte Qualifikation von Alexander über die Olympische Weltrangliste macht uns als Verband überglücklich und sehr stolz. Er hat es, in Zusammenarbeit mit vielen Unterstützern, aus eigener Kraft geschafft. Durch die hervorragende Zusammenarbeit der Trainer, des Ärzteteams und des Präsidiums war dies möglich. Ihnen gilt ebenso mein Dank, wie unserem Olympia-Teilnehmer Alexander Bachmann,“ sagte Musa Cicek, Vize-Präsident Leistungssport. Diese Zusammenarbeit wird nun seitens der DTU noch einmal verstärkt. Sein Heimtrainer Vanja Babic wird ab Januar dem offiziellem Trainerteam der DTU angehören, um die Vorbereitung optimal gestalten zu können. Vanja Babic: „Die Zusammenarbeit mit der DTU war rückblickend perfekt. Alles funktionierte tadellos. Das hat diesen Erfolg überhaupt möglich gemacht. Jedes Problem, das wir hatten, wurde gemeinsam angegangen und gelöst. Für Tokyo müssen wir alle noch eins drauflegen. Ich freue mich sehr auf meine neue Herausforderung als Bundestrainer bei der DTU.“

Verändern wird sich für den ehemaligen Leistungssportler Babic natürlich einiges. In seinem Verein, TKD Center Stuttgart, hält der Vater von Vanja, Stojan Babic, die organisatorischen Fäden in der Hand. Ein großes Trainerteam kümmert sich um die einzelnen Gruppen. Die Top-Athleten in Stuttgart trainieren dann bei Vanja. Der Verein stärkt Vanja Babic nun in seiner neuen Rolle als Bundestrainer den Rücken, damit er sich zukünftig voll auf die Olympiavorbereitung von Alexander Bachmann konzentrieren und andere Arbeiten ein wenig zurückstellen kann. 

 

Vanja Babic: „Als Alex den WM-Titel geholt hat, ist auch von mir eine Art Druck abgefallen“ 

 

Wenn ein ehemaliger Leistungssportler, der selbst auf Weltniveau gekämpft hat, als Trainer EM-, WM- und möglicherweise auch Olympiamedaillen holt, sind dies immer besondere Momente in einer Trainerkarriere. Aber als Alex 2017 im südkoreanischen Muju WM-Gold gewonnen hat, ist auch von Vanja Babic eine Last von den Schultern gefallen: „Er hat das beendet, was ich 2009 bei der WM verpasst habe. Ebenso ist es nun mit Olympia. Mit Alex steht auch ein Teil von mir auf der Fläche. Ich bin unglaublich stolz auf ihn und darauf, dass er nie aufgegeben hat, auch wenn es manchmal unmöglich erschien. Diese Mentalität zeichnet Alex aus“. 

Der WM-Titel 2017 in Muju war sicherlich der entscheidende Auslöser für den Sportsoldaten der Sportfördergruppe Sonthofen, das Ziel „Ich will nach Tokyo“ zu konkretisieren. Durch die gewonnen Weltranglistenpunkte bei der WM ist Alexander Bachmann deutlich im olympischen Ranking nach oben gerutscht. Die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft 2018 in Kazan setzte den Vorwärtsmarsch fort und ihm wurde langsam bewusst, dass er wirklich ein Wörtchen bei der Ticketvergabe mitreden könne. „Das ich es aber direkt über die olympische Rangliste schaffen kann, war mir erst bewusst, als ich dann im August-Ranking 2019 plötzlich auf Platz 7 stand“, erzählt Alexander Bachmann. Von da an wurde es ernst und jeder Weltranglistenpunkt war nun entscheidend für die Olympiaqualifikation. Alexander Bachmann schmunzelnd: „Ich wollte unbedingt das Qualifikationsturnier im Mai 2020 in Mailand vermeiden. Ich weiß ja von meiner Frau, wie schwer diese Qualifikationsturniere sind.“ 

 

Georg Streif: „Es gab Plan A, B und C. Jetzt bin ich überaus froh, dass Plan C eingetroffen ist“ 

 

Dass der Traum von einem ersten DTU-Ehepaar bei Olympischen Spielen ein Traum bleiben wird, entschied die Gesundheit. Denn die macht der WM-Bronzemedaillengewinnerin von 2013 und Olympiateilnehmerin 2016 Rabia Bachmann einen Strich durch die Rechnung. Sie kann aktuell nicht an Wettkämpfen teilnehmen, um sich für Olympia zu qualifizieren.

Auch bei Alex Bachmann zeigte der Leistungssport kurz mal seine gesundheitlichen Schrecken. Aus der Öffentlichkeit ferngehalten wurde seine komplizierte Hand-Verletzung Anfang September beim Grand Prix in Chiba. Trotz erfolgreicher Operation und der optimalen Betreuung durch das umsorgende Ärzte- und Physioteam, konnte anfangs nur mit Handbremse die Punktejagd angegangen werden. Alexander Bachmann dazu: „Natürlich haben wir die Verletzung von der Öffentlichkeit und somit auch von meinen Gegnern ferngehalten. Wenn es um Olympia geht, kann auf der Fläche viel passieren. Es hätte ja sein können, dass meine Gegner mit dem Wissen über meine Verletzung extra auf meine Hand kicken.“ Dies war ebenso ein kluger Schachzug vom Trainerteam wie auch die verschiedenen Szenarien, wie trotz der Verletzung, die Qualifikation geschafft werden kann. „Es gab Plan A, B und C. Ich bin froh, dass nun Plan C funktioniert hat“, gab Herren-Cheftrainer Georg Streif erleichtert zu und freute sich, dass das Ticket für Tokyo nun so deutlich mit Platz 3 im olympischen Ranking gesichert wurde. 

„Alex gibt nie auf. Auch wenn es mal nicht läuft. Er macht immer weiter, auch wenn er Rückschläge hinnehmen muss. Das zeichnet ihn aus und bin stolz, dass er sich sportlich und menschlich zu diesem Menschen entwickelt hat,“ schwärmt Vanja Babic von seinem Schützling, der damals mit 7 Jahren zu ihm gekommen ist und wo der Vater anfangs eher abgeraten hat, zu viel Zeit in diesen Jungen zu investieren. Alles zahlt sich irgendwann aus. „Wir haben die Top-5 Platzierung geschafft, ohne eine Grand Prix Medaille geholt zu haben“. 

An dieser Stelle hat die Zusammenarbeit aller Beteiligten nahezu perfekt funktioniert. Ein Erfolg, der für Herren-Chef Bundestrainer Georg Streif ebenfalls etwas ganz Außergewöhnliches ist. Seine Erfahrung als Headcoach bei den Olympischen Spielen in Sydney, die mit der bislang einzigen Olympiamedaille für die deutschen Herren endete, wird dem gesamten Team sicherlich auch für die Olympischen Spiele in Tokyo viele Vorteile bringen. Akribisch und bis ins Detail durchdacht wird nun die Mission Tokyo individuell für Alex geplant. Das hierfür viele Kräfte gebündelt werden müssen, zeigen die Worte des Dankes, die Georg Streif immer bewusst und ehrlich am Ende eines solchen Teamerfolges formuliert. „Mein Dank gilt neben der Leistung von Alex, allen die an diesem Erfolg mitgewirkt haben. Der Heimtrainer, die Bundeswehr, seine Coaches, das Umfeld, der Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Ärzte, DTU-Funktionäre, Sporthilfe, DOSB, Sponsoren und so weiter. Alle haben ihr Bestes gegeben, um diesen wichtigen Schritt in der DTU zu schaffen. Nur gemeinsam kann Großes geschaffen werden“. 

 

Alexander Bachmann: „Da Vanja Babic am 6. Dezember auch Vater geworden ist, werden wir in den nächsten Tagen alle erfreulichen Ereignisse gemeinsam feiern“ 

 

Alex Bachmann konnte in Moskau nicht auf die physische Unterstützung seines Heimtrainers zählen. Grund waren besondere, erfreuliche Umstände am 6. Dezember. Vanja Baibic erzählt überglücklich: „Ich saß schon am Flughafen in Stuttgart und wartete auf das Boarding nach Moskau. Da rief plötzlich meine Frau an und sagte mir, dass unser Baby kommt. Ich habe dann schnell meinen Koffer aus dem Flieger holen lassen. Mein Bruder brachte mich umgehend ins Krankenhaus. Morgens um 3:00 Uhr kam unsere Tochter zur Welt und am Nachmittag hat sich Alex für Olympia qualifiziert. Der Nikolaus hat es gut mit mir gemeint.“ 

 

 

Stefan Klawiter empfängt Glückwünsche von höchster Stelle

 

Auch DTU-Präsident Stefan Klawiter konnte nicht vor Ort in Moskau sein. Seine präsidialen Verpflichtungen beim DOSB verlangten die Anwesenheit bei den mehrtätigen DOSB-Konferenzen mit den Kollegen anderer Spitzensportverbände und Landessportbünde aus Deutschland. Durch den ständigen Kontakt mit dem DTU-Leistungssportpersonal konnte er in Frankfurt aber während der DOSB-Mitgliederversammlung die Entwicklungen in Moskau dennoch intensiv verfolgen. Als die Entscheidung feststand, dass Alexander Bachmann sich für die Olympischen Spiele qualifiziert hat, waren Alfons Hörmann (DOSB-Präsident) und Stephan Meyer (Staatssekretär beim Bundesministerium des Innern) die ersten Gratulanten für diesen tollen DTU-Erfolg. Stefan Klawiter: „Ich bin sehr stolz auf die Leistung von Alexander, der vor allem zum Ende des Jahres noch einmal mit seinem Trainerteam alles für diesen Erfolg getan hat. Einen Sportler direkt über die olympische Rangliste qualifizieren zu können, ist der Verdienst vieler Unterstützer, denen ich an dieser Stelle ganz besonders danke. Ich blicke motiviert und zuversichtlich in das Jahr 2020.“ 

 

Motiviert blicken alle Verantwortlichen der DTU auf das bald beginnende Olympiajahr 2020, in dem noch weitere DTU-Athleten die Chance haben werden, sich ein Ticket für die Olympischen Spiele in Tokyo zu erkämpfen. 

 

Holger Wunderlich: Ich wünsche Alex eine bestmögliche und verletzungsfreie Olympiavorbereitung und hoffe, dass wir im April weitere Athleten/-innen für Tokyo qualifizieren und dann bei den olympischen Spielen 2020 erfolgreiche Ergebnisse erzielen. Zum Jahresende möchte ich mich ganz herzlich bei allen Unterstützern des Leistungssportbereichs der DTU bedanken

Stefan Klawiter: Ich wünsche wünsche mir, dass die Zusammenarbeit zwischen allen Verantwortlichen und unseren Mitgliedern auch weiterhin konstruktiv und kooperativ verläuft, um die Zukunft unseres Verbandes gemeinsam erfolgreich zu gestalten. Selbstverständlich wünsche ich mir ein bestmögliches Abschneiden unserer Sportlerinnen und Sportler bei den Olympischen Spielen in Tokyo, sowie ein Anknüpfen an die tollen Erfolge der vergangenen Jahre durch unsere Technik-Nationalmannschaft bei der Poomsae-Weltmeisterschaft im Mai in Dänemark.

Musa Cicek: Ich wünsche mir, dass nun alle die besinnlichen Weihnachtstage nutzen, um Kraft für das Jahr 2020 zu sammeln, damit wir im April 2020 noch weitere Olympiatickets für Deutschland erkämpfen.